Die Sicherstellung pflegerischer Versorgung entwickelt sich zu einer der zentralen Herausforderungen der Pflegebranche in Deutschland
Heute gilt die Versorgungssicherheit in der stationären Pflege aufgrund unzureichender Pflegekapazitäten und Finanzierungsproblemen als gefährdet. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die AWO Rheinland, sondern die gesamte Pflegebranche im Land.
Maßnahmen seit 2021 im Land
Um den enormen Bedarf an Pflegekräften zu decken, gab es in den vergangenen Jahren große Bemühungen, die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern. Höhere Löhne und die flächendeckende Entlohnung nach Tarif sowie eine bessere Personalisierung der Einrichtungen sind dabei nach wie vor zentrale Ziele. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG) im Jahr 2021 wurden u. a. bundesweite „Tariftreue“-Regelungen in der Altenpflege eingeführt. Seit September 2022 müssen Pflegeeinrichtungen ihre Pflege- und Betreuungskräfte in dessen Folge mindestens nach Tarif oder kirchlichen Arbeitsrechtsregelungen bezahlen; nur so erhalten sie eine Zulassung. Zusätzlich wurde zum 1. Juli 2023 ein neues Personalbemessungsverfahren eingeführt. Die neuen bundeseinheitlichen Personalanhaltswerte verpflichten zu einer deutlich höheren Personalausstattung. Mit dieser Vorgabe kam man dem Wunsch beruflich Pflegender nach. Erreicht werden sollte, dass die Pflegekräfte ihre persönlichen pflegerischen Fähigkeiten bestmöglich in der Versorgung der Menschen einbringen können, und das ohne Über- oder Unterforderung.
Was positiv gedacht war, spitzt die Situation der Branche weiter zu
Im ersten Moment hören sich diese Entwicklungen sehr einfach und erfolgversprechend an. Aber das Mehr an Personal muss zum einen gefunden und eingestellt und zum anderen auch finanziert werden. Wie alle Träger*innen der stationären Altenpflege verhandelt die AWO Rheinland jährlich mit den Kostenträgern über die Festsetzung der Pflegesätze. In Pflegesatzverhandlungen garantiert der Gesetzgeber die Refinanzierung der tariflich gezahlten Löhne der Mitarbeiter*innen aus Pflege und Betreuung. Mit Erhöhung der Löhne durch das Tariftreuegesetz und dem Inkrafttreten des Haustarifvertrags AWO Rheinland im Jahr 2026 erhöhten sich die Kosten, die es zu refinanzieren gilt, und damit stiegen die Pflegesätze.
Finanzieller Druck steigt
Viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen können die steigenden Kosten aus Rente und Vermögen nicht mehr bestreiten und sind daher auf Sozialhilfeleistungen angewiesen. Der erhöhte Bedarf an „Hilfen zur Pflege“ bei den Sozialhilfeträgern erhöht den Druck in den Pflegesatzverhandlungen zusätzlich. Jan Hagen, Bereichsleitung Pflegesatz, äußert sich wie folgt zu den Entwicklungen: „In den Verhandlungen 2025 sind wir mit einem blauen Auge davongekommen. Die Tarifzahlungen für unsere Mitarbeitenden aus Pflege und Betreuung wurden fast anstandslos durchgewunken. Allerdings ging dies zu Lasten der Anerkennung von sonstigen betriebsnotwendigen Kosten, was eine Finanzierungslücke bedeutet.“ Die überlange Verhandlungsdauer machte eine Rückrechnung der Pflegesätze über elf Monate notwendig und führte zu Unmut bei der Bewohnerschaft. Die verpflichtende Umsetzung der Mehrpersonalisierung setzt den Verband noch zusätzlich unter Druck. Kann das erforderliche Personal nicht gefunden werden, können die aktuellen Platzzahlen in den AWO Seniorenzentren auf Dauer nicht gehalten werden.
Die Branche krankt, aber wir bleiben dran
Die niedrige Auslastung in weiten Teilen der Trägerlandschaft führt neben der Unterfinanzierung der Standorte auch zu einer strukturellen Verknappung von Pflegekapazitäten im Land. In Zeiten des demografischen Wandels und steigendem Bedarf ein Zustand, der nicht so bleiben kann. „Unser Ziel besteht darin, auch weiterhin eine verlässliche Partnerin für die Menschen im Land zu bleiben“, so Martin Koch, Geschäftsbereichsleitung Altenhilfe. In Netzwerktreffen, z. B. mit der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege RLP e. V., schließt sich die AWO mit den großen Träger*innen im Land zusammen und gemeinsam werden wir nicht müde, mit der Politik in den Dialog zu gehen. Der zugespitzten Situation begegnen wir schon heute mit vielfältigen Lösungsansätzen. Dazu zählen Programme zur Gewinnung und Bindung von Mitarbeitenden und Maßnahmen zur individuellen Organisationsentwicklung der Standorte. Diese zielen darauf ab, das zur Verfügung gestellte „Mehr“ an Personal sinnvoll einzuplanen und eine kompetenz- und bewohner*innenorientierte Arbeitsorganisation zu ermöglichen.
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