Auf der Suche nach der Bedeutung von Gerechtigkeit stößt man auf eine Vielzahl von Denker*innen, die sich über Jahrhunderte mit dem Begriff und seiner Bedeutung für die Gesellschaft beschäftigt haben.
Einer davon war Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 v. Chr.), der in der Zeit der Antike in Rom lebte. Sein Verständnis von Gerechtigkeit, Recht, Moral und Staat beeinflusste viele spätere Persönlichkeiten. Ein bekanntes Zitat von ihm lautet: „Grundlage aber der Gerechtigkeit ist die Zuverlässigkeit, das heißt die Unveränderlichkeit und Wahrhaftigkeit von Worten und Abmachungen.“ Kurz gesagt: Worte müssen verlässlich sein und in Taten münden.
Eine Frage der Perspektive
Was gerecht ist und was nicht, ist eine Frage, die nicht ohne Weiteres beantwortet werden kann. Gerecht kann es sein, wenn alle das Gleiche bekommen. Aber brauchen Menschen nicht Unterschiedliches oder unterschiedlich viel? Hier ist die Verschiedenheit der Menschen, z. B. ihr kultureller und sozialer Hintergrund, ein entscheidender Faktor. Grundsätzlich regelt Gerechtigkeit Beziehungen zwischen Menschen und jede*r von uns verfügt über einen Gerechtigkeitssinn. Dieser speist sich aus Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft und wird von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen beeinflusst.
Formen von Gerechtigkeit
In der Antike galt Gerechtigkeit als höchste Tugend im sozialen Zusammenleben. Unterschieden wurde zwischen der ausgleichenden Gerechtigkeit und der zuteilenden Gerechtigkeit. Ausgleichende Gerechtigkeit bedeutet, Leistung und Gegenleistung, z. B. beim Kauf – Ware gegen Geld –, sind gleichwertig. Zuteilende Gerechtigkeit regelte die gerechte Verteilung von Ressourcen und Gütern, je nach Bedürfnis, Fähigkeit und erbrachter Leistung des Einzelnen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts spricht man vielfach von der „sozialen Gerechtigkeit“. Hier wird bewertet, ob Regelsysteme, die Handlungen steuern, als gerecht gelten. Ebenso hört man heute häufig den Begriff Verteilungsgerechtigkeit. Sie bezieht sich auf die gerechte Verteilung von Gütern und Lasten in der Gesellschaft, wobei jede*r die gleichen Lebensbedingungen und Teilhabemöglichkeiten haben sollte. Gemäß dem AWO Wertekompass bedeutet Gerechtigkeit frei umschrieben: Menschen sind frei, handeln gemeinschaftlich und haben die gleichen Chancen im Leben. Es herrscht Verteilungsgerechtigkeit, globale Verantwortung wird übernommen und es geht nicht nur um ökonomische und soziale Gerechtigkeit, sondern im Sinne von Nachhaltigkeit ebenso um intergenerationelle Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist die Basis für Freiheit, Gleichheit und Solidarität.
Verlässlichkeit ist Grundlage
Damit etwas als gerecht gilt und als gerecht empfunden wird, ist es, in Anlehnung an das Zitat von Cicero, entscheidend, dass man sich auf etwas verlassen kann. Wir bei der AWO nehmen den Wert Gerechtigkeit sehr ernst. Innerhalb des Verbandes ist uns ein gemeinsames Werteverständnis besonders wichtig. Dazu sind wir in stetigem Austausch mit unseren Mitarbeitenden und den ehrenamtlich Aktiven. Ein Ausdruck von verlässlicher Gerechtigkeit ist beispielsweise der jüngst in Kraft getretene Haus-Tarifvertrag der AWO Rheinland, der gemeinsam mit ver.di verhandelt wurde. Mit Blick auf unsere Kund*innen und die Menschen in der Region richten wir unsere Angebote und Dienste an ihren jeweiligen Bedarfen aus. Wir hören zu, finden passgenaue Lösungen und versuchen ihnen auf unterschiedlichste Weise Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Hier leisten insbesondere auch die vielen ehrenamtlich Tätigen in unserem Verband Großes. Ein weiterer Baustein für soziale Gerechtigkeit ist unser Einsatz für den Erhalt und Ausbau der Trägervielfalt im Land. Derzeit gibt es nach wie vor viele Barrieren für gemeinnützige Träger*innen, wie wir eine sind. Mitunter stehen wir hierzu in einem harten Dialog mit der Politik, um die Hürden im Land sukzessive abzubauen, aber auch, um eine auskömmliche Finanzierung unserer Angebote und Dienstleistungen zu erreichen.
Als sozialwirtschaftliches Unternehmen unter den derzeitigen Rahmenbedingungen bestehen zu können und entsprechend unseren Werten zu handeln, ist ein Drahtseilakt. Trotzdem oder gerade deswegen werden wir nicht müde, für eine sozial gerechte Zukunft einzustehen. Begleiten Sie uns gerne auf diesem Weg, denn gemeinsam können wir mehr erreichen.
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